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"Wir sind das Volk!"

Anmerkung: Joachim Gauck stellt den Bezug zur Freiheit durch den legendären Slogan: "Wir sind das Volk" her.

Teil 3 (von 9 Teilen) der Weihnachtsvorlesung "Die Liebe zur Freiheit" von Joachim Gauck

Menschen in den Blick nehmen

Freiheit ist individuell, fast biologisch, hängt mit Hormonen zusammen. Das Kind, das sich nach Freiheit und Recht sehnt wird ja irgendwann mal ein ganz normaler, pubertierender Jugendlicher. Ich kriege eine kreatürliche Beziehung zu einer Form von Leben in der keiner über mich bestimmen soll.

Aufgrund von Entwicklungs-psychologischen Dingen: Ich möchte selber mein eigener Herr sein. Da hat Freiheit ein jugendliches Gesicht. Die Freiheit heißt dann gerne Befreiung. Und sie kommt mit einem anarchischen Gestus daher. Es ist ganz wesentlich, dass Menschen eine solche Phase des Lebens spüren.

Nicht jeder kennt die von mir zuerst beschriebene tiefe Sehnsucht nach Freiheit, weil er im elementaren Unrecht gelebt hat. Aber jeder kennt das anarchische Gesicht und unsere Freiheitssehnsüchte und kennt unser unglaubliches Hochgefühl wenn ich definiere: "jetzt kann mir keiner mehr".

Und wenn man dann merkt: "Wow, ich bin ich!".

Wunderbar!

Es ist wichtig, dass wir uns diese anarchische Seite des Freiheitsbegriffes deutlich machen. Aber das Jugendliche besteht darin, dass der Moment der Befreiung anscheinend das Wesentliche und Eigentliche ist.

Im Augenblick der Befreiung begreifen wir nicht, dass Freiheit auch ein anderes, ein erwachsenes Gesicht bekommen kann. Sondern die Dynamik ist unglaublich wichtig. Weil nur mit dieser starken Sehnsucht, Unterdrückung und Zwang zu brechen, kann oftmals Bewegung in Gang kommen. Es muss eine Startenergie geben, die die Menschen ein bisschen auch hinreißt, und auch verführt etwas zu wagen, was vielleicht unvernünftig ist. In Polen gibt es eine Redensart, die lautet: "Glaube niemanden, der Dir sagt, dass Du nicht mit dem Kopf durch die Wand kommst."

Das ist bei uns doch eher selten.

Da braucht man Vorbilder!

Natürlich ist, wenn Sie das jetzt hören von mir, im Hintergrund 1989 mit dem Mauerfall. Und in unseren polnischen Nachbarn, da hatten wir solche Vorbilder, die immer mal wieder in ihrer Geschichte für die Freiheit unglaublich viel riskiert hatten. Und so entsteht schließlich auch in Sachsen eine Bewegung die dazu imstande ist, eines der ganz großen Manifeste in einer wirklich herben Abbreviatur zu nennen.

Sie bringt ein ganzes Programm in vier Worte: "WIR SIND DAS VOLK".

Und mit dieser machtvollen Ansage, diesem schönsten Satz der deutschen Politikgeschichte passiert nun etwas Doppeltes in uns. Wir, die an Ohnmacht gewöhnten und sich mit ihrer eigenen Ohnmacht arrangiert habenden Bürger, verwandeln uns plötzlich in jemand, der glaubt, er sei zuständig für seine und die öffentlichen Dinge.

Die in der Partei, die nicht ganz ober waren, fragten als sie diesen Satz hörten: "Wenn die da das Volk sind, was sind wir dann?"

Plötzlich wanderten viele Genossen mit uns auf den Straßen des Herbstes ´89.

Mitgerissen von einer Formel, die die unrechte Macht delegitimieren und diejenigen, die ohnmächtig waren motivieren konnte.

Und dann beginnt, in dem Moment, wenn der Mensch sich von seiner Angst verabschiedet, dann beginnt dieses rauschhafte Erleben von Freiheit. Bei der Revolution 1989 war es so, es passierte nur 14 Tage später.

Am 9. Oktober stehen die Leipziger auf der Straße und zeigen der Regierung: Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern!

Und dann springt eben dieser Befreiungsfunke über.

Und ich werde das nie vergessen wie ich in Rostock bin zu einer Ansprache - wir haben ja immer diese Sachen Donnerstags gemacht, ich wollte dass sich die Kommunisten nicht nur an Montagen Sorgen machen mussten, sondern auch an anderen Wochentagen.

Und in dieser Ansprache, da gab es eine Stelle, da hieß es: "wir sagen unserer Angst auf Wiedersehen!". Die Zuhörer haben dann alle geklatscht, weil sie merkten: er spricht etwas aus, von dem wir alle noch nicht wissen wie es geht. Aber dieses Klatschen hat uns gegenseitig ermutigt. Und dann dachte ich: "Ich bin im Himmel". Meine eigenen feinen Landsleute, die ich kannte, die waren plötzlich auf der Straße und taten so als wären sie Bürger. Ist ja unglaublich! Wir waren Akteure. Weil wenn wir unserer Angst den Abschied geben, geschehen unglaubliche Dinge mit uns. Wir entdecken Kräfte und Möglichkeiten, Gedankenwege und Taten die wir uns zutrauen, die wir vorher ins Reich der Fabel verwiesen hätten. Und dann entsteht diese Begeisterung eines Aufbruchs. Freiheit, wenn sie jung ist, heißt Befreiung. Und sie ist wunderschön, mit einer Schönheit, die selten wiederkehrt.

<< Ende der wörtlichen Ausführungen Teil 3 von Joachim Gauck anlässlich der Weihnachtsvorlesung 2010 an der Uni Bayreuth >>

Fazit: Menschen können sich ändern, ihre Angst überwinden. Die Aufgabe ist es, zum Handeln überzugehen. Denn letztendlich kommt es auf das Tun an!

Teil 4 des Vortrags von Joachim Gauck: Freiheit bedeutet Verantwortung