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Die Wiederentdeckung der Muße

Auszüge aus einem Artikel aus DER ZEIT, vom 30.12.2010 – S. 33-35

Nichtstun ist wertvoll. Doch wir haben es verlernt, weil wir nicht mehr aus dem immer schnelleren Alltag ausbrechen können

von Ulrich Schnabel

Wenn er sich zum Mittagsschlafe zurückzog, hängte der französische Dichter Saint-Pol-Roux an seine Tür das Schild: “Poet bei der Arbeit“. Denn er wusste: Müßiggang ist aller Ideen Anfang. Wirklich schöpferische Einfälle kommen einem am ehesten dann, wenn man sie nicht zu erzwingen versucht. Renè Descartes, der Begründer des modernen Rationalismus, entwickelte seine Gedanken mit Vorliebe morgens im Bett. Dort sann er über Träume nach oder löste im Kopf mathematische Rätsel…

Heute hingegen: Muße zum Nachdenken? Bei dieser Frage seufzen Descartes` heutige Erben wehmütig. Wo soll im hektischen Wissenschaftsbetrieb dafür noch die Zeit herkommen?

Ob unter Managern oder Politikern, Selbstständigen oder Angestellten – überall breitet sich das Gefühl aus, permanent unter Druck zu stehen, ständig an Quartalsbilanzen, Umfragewerten oder Produktionssteigerungen gemessen zu werden und sich keine Atempause gönnen zu dürfen.

Zeiten der Muße sind unter solche Bedingungen zur bedrohten Ressource geworden.

Das Gefühl des Gehetzt seins ist zum Dauerzustand geworden.

Was wir dabei schmerzlich vermissen, sind jene mußevollen Stunden, in denen wir Herr über unsere Zeit sind und unsere eigentliche Bestimmung suchen.

Eine Auszeit vom alltäglichen ist mitnichten verlorene Zeit.

Muße zulassen!

Warum fällt es uns dennoch so schwer, das Hamsterrad der Geschäftigkeit öfter mal anzuhalten?

Offenbar übersehen wir etwas Entscheidendes: dass wir nämlich, bei allen Klagen über fehlende Muße, die Beschleunigung unseres Lebens auch genießen. Und dass wir von unseren hektischen Gewohnheiten nicht wirklich lassen wollen.

Wer Muße nur als Zeit der Wellness und Fitness versteht, unterwirft sie prompt wieder jenem Nützlichkeitsdenken, das bereits unseren gesamten Alltag regiert. Muße wäre dann nichts anderes als eine funktionelle Methode, um die Schaffenskraft wiederherzustellen.

Früher unterlag die Muße keiner Verwertungslogik; man fragte nicht, was etwa das Philosophieren am Ende „bringe“, der Müßiggang war sich selbst genug, ein Lebenswert an sich.

Diese Muße ist ein Zustand, den wir zur Regeneration dringend benötigen. Wie neurobiologische Experimente zeigen, braucht unser Gehirn offenbar immer wieder Zeiten des Nichtstuns – nicht etwa zum Ausruhen, sondern um sich gesund sortieren zu können; ein gewisser Leerlauf im Kopf ist für unsere geistige Stabilität geradezu unabdingbar.

Ihn zuzulassen fällt uns heute jedoch zunehmend schwer. Das Nichtstun, der nicht zweckorientierte Müßiggang, gilt als unproduktiv und öde.

Das hängt mit unseren Vorstellungen von „Wohlstand“ zusammen. Paradoxerweise, strengt uns nämlich gerade das an, was eigentlich als Glücksversprechen gedacht ist: die schier unendliche Vervielfältigung der Möglichkeiten. Das bessere Leben: z.B. ein dickeres Bankkonto, eine größere Wohnung, ein schnelleres Auto, eine weite Reise.

Die Qual der Wahl

Doch mittlerweile meldet die Sozialpsychologie Zweifel an. Denn es hat sich gezeigt: Je größer die Auswahl, umso mühsamer die Entscheidung. Mit jeder Wahl muss man zwangsläufig auf alle anderen Alternativen verzichten. Und leider schmerzen uns Verluste mehr, als Gewinne uns freuen.

Wer zwischen einer kaum zu überschauenden Zahl von Handytarifen, Fernsehkanälen, oder Joghurtmarken wählen muss, gewinnt nicht an Freiheit – wie die Werbung suggeriert -, sondern erhöht seinen Stresspegel. Kurioserweise versuchen wir diesen Frust oft mit just demselben Mittel zu bekämpfen, das ihn uns beschert hat: mit weiterem Konsum.

Doch die wahre Kunst des Müßiggangs steht nicht in entsprechenden Muße-Angeboten. Vielmehr gilt es, mit der fatalen Logik des Immer-mehr zu brechen und das trügerische Freiheitsversprechen der Multioptionsgesellschaft zu durchschauen. Wem es gelingt, sich diese Form der Selbstbestimmung zu bewahren, der dürfte am ehesten auch jene innere Ruhe finden, nach der wir uns alle so sehnen.

Die Kunst der Muße- sich auf ein Einziges zu konzentrieren: Eigenzeit.

Denn „Muße ist die Übereinstimmung zwischen mir und dem, worauf es in meinem Leben ankommt.“

Der Trend gegen den Trend


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