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Hans Neuenfels — Lohengrin-Regisseur 2010

Die Hauptfrage im Lohengrin ist die nach dem bedingungslosen Vertrauen ...

... Hans Neuenfels im Interview zur Neuinszenierung des "Lohengrin" 2010 in Bayreuth und zu seinem Verständnis von Wagner.

Die Substanz des Hörens

Kommentare zu den inszenatorischen Gedanken des neuen "Lohengrin" aus dem Magazin "Das Opernglas" 7/8:

Hans Neuenfels: Für mich ist die Hauptfrage im Lohengrin die nach dem bedingungslosen Vertrauen und was das in einer Welt bedeutet, die immer besser informiert ist, immer mehr fragt und analysiert, aber bei sehr vielen Belangen gleichzeitig relativ indifferent und gleichgültig bleibt. Es ist für mich also nicht sosehr der Künstler, der mich interessiert, als die radikale Thesenherausschleuderung. In einer Welt, in der nichts passiert, in der nichts Neues mehr kommt, keine Utopie, gibt es eine tolle These: dass jemand bedingungslos einem anderen trauen soll — ohne Nachfrage. Meine szenische Idee ist ein großes Experiment, ein Laboratorium. Jemand kommt und stellt diese Frage in die Welt.

Das Opernglas: in Ihrer Anekdote "Das Wagnerfestival in Altaussee" haben Sie eine wunderbare Formulierung eingebracht: Außer Wagner wäre es keinem Komponisten gelungen, "dem Geschmacklosen eine so gültige Form zu geben." Das müssen Sie uns genauer erklären!

Hans Neuenfels: Das Geschmacklose ist gleichzusetzen mit Trivialität. Es ist wie eine Gleitsubstanz, um zum Pathos zu kommen, sozusagen die Schmiere der Leidenschaft. Pathos an sich, erratisch hergestellt, ist schwer erträglich. Aber wenn man den Weg dorthin erkennen kann, die Umwege, wie es dazu kommt, dann ist es für mich erträglich. Das ist das Geniale an Wagner: die Kühnheit, das Banalste mit dem Pathetischen zu verbinden. Das ist sonst keinem in dieser Form gelungen.

Das Opernglas: Auch Verdi nicht?

Hans Neuenfels: Selbst Verdi nicht. Es ist ja auch sehr deutsch: So geschmacklos kann nur ein Deutscher sein. Und auch so pathetisch kann nur ein Deutscher sein. Schiller war ebenfalls absolut geschmacklos — und absolut grandios. Man kann ja Schiller nur zitieren — "Die Axt im Haus erspart den Zimmermann" — weil er so geschmacklos ist.

Das Opernglas: War das der Grund, dass Sie so spät nach Bayreuth gegangen sind? Glaubt man Ihren Aufzeichnungen, haben Sie erst 2007 die Festspiele besucht ...

Hans Neuenfels: Das hat damit zu tun, dass Bayreuth für mich immer nordisch war — und deutsch. Gefährlich deutsch, aber nicht im so platten Sinne von "Nazi-Deutsch". Das ist jetzt vielleicht etwas unziemlich, wenn ich das sage, aber ich sage es trotzdem: Deutschland ist für mich diese schreckliche Kleinbürgerlichkeit. Wenn ich etwas abschreckend finde, dann das. Ich denke ansonsten, dass das, was Deutschland macht, ziemlich gut ist. Auch europäisch gesehen.

Das Opernglas: Können Sie sich vorstellen, dass man Musiktheater auch rein kulinarisch, unreflektiert genießen kann?

Hans Neuenfels: Schwer. Ich glaube, dass Musik immer auf einen Widerspruch trifft. Es ist doch das immanent Aktuelle an der Musik, dass sie immer diese Kluft zwischen Empfinden, Träumen und Wünschen auf der einen und der Realität unseres gefangenen Diesseits auf der anderen Seite aufzeigt. Immer dieser Schrei nach Realisation des Individuums, sich zu befreien, glücklich zu sein. Musik ist nichts anderes als der Schrei nach Glück. Deswegen ist Musik auch immer avantgardistisch, nie überholt. Das Theater, das Wort braucht eine Zeit, ein Umfeld. Musik ist ohne Zeit da, sie schafft sich ihre eigene.