Lohengrin, eine Romantische Oper?
Die Lohengrin-Handlung spielt im Mittelalter, der romantischen Zeit par excellence nach der klassischen Ästhetik. Und dennoch bildet Lohengrin genau den Übergang zwischen der romantischen Oper und der Romantik hin zum Musikdrama ab.
Eindrucksvoll geht Richard Wagner weg von einer Ouvertüre hin zu einem echten Vorspiel. Lohengrin bietet mit der Szene zwischen Ortrud und Telramund zu Beginn des zweiten Aktes auch ein Musterbeispiel für Dialoge, einem Element, das erst Richard Wagner in die Oper eingeführt hat.
Das klassische romantische Thema ist jedoch die Grundlage: der Gegensatz von Diesseitigkeit, irdischer Realität und Irrational-Überirdischem. Eine zentrale Kategorie ist dabei das Wunder, das Wunderbare. Zauber und Verzauberung werden damit verknüpft.
Das Frageverbot des Lohengrin
Geheimnisumwoben ist die Lohengrin-Handlung in Gestalt des berühmten Frageverbots. Lohengrin verbietet Elsa die Frage nach seiner Herkunft. Über die Lüftung des Geheimnisses wird ein Tabu verhängt. Die "bösen Mächte" in Gestalt von Ortrud (als das Heidnische verkörpernd) und Telramund bringen Elsa dazu, die Frage dennoch zu stellen. So muss Lohengrin eingestehen, dass er ein Ritter der Gralsrunde ist und sein Vater kein anderer als Parsifal.
Lohengrin bleibt keine andere Wahl als zum Gral zurückzukehren.
Gut und Böse sind bei Lohengrin klar unterschieden und die Trennung korrespondiert mit dem Gegensatz von Christentum und Heidentum. So nimmt Lohengrin viele symbolische Bilder auf.
Ein Zitat aus dem "Reclam-Heftchen 5637 Wagner Lohengrin" analysiert treffend: "Die Bedingung des Frageverbotes scheint indes weniger unmittelbar an den Akt der Hilfe in Not geknüpft als vielmehr an die Liebe, die sich sogleich zwischen Lohengrin und Elsa entspinnt, und an die Ehe, die sie eingehen wollen. Es dient daher nicht nur äußerlich und allgemein dem Erhalt der Macht, die vom Gral verliehen ist, sondern erscheint zugleich und vornehmlich als der Schutzwall, hinter dem Lohengrin die eigene Person verbirgt. Nähe zu sich lässt er nicht zu, und es ist nur folgerichtig, dass es bereits in der Hochzeitsnacht, noch vor dem, was man als den Vollzug der Ehe nennt, zum Bruch des Tabus kommt. Elsa erträgt die Distanz nicht, in der Lohengrin sie hält. Liebe, die ihren Namen verdient, verlangt Öffnung, Überwindung alles Trennenden, Vereinigung, Erkenntnis im buchstäblichen alttestamentarischen Sinne. All das verweigert Lohengrin. Elsa jedoch ist nicht bereit, sich dem zu fügen. So sehr sie durch den Verstoß gegen das Frageverbot ihr Glück zu zerstören scheint, so offenkundig ist, dass dieses Glück ohne das Stellen der Frage keines wäre. Die Frage zu stellen ist deshalb für Elsa von nahezu existenzieller Bedeutung, und der ganz folgerichtige Bruch des Tabus stellt nichts Geringeres dar als einen emanzipatorischen Akt. Dies führt, wie so oft bei Wagner, zwar nicht ins Freie oder gar zum Glück — ganz im Gegenteil — aber er geschieht. Elsa ist subjektiv im Recht. (S. 102)
Ein weiteres Zitat aus dem Theaterführer im Taschenformat — ISBN 978-3-936567-03-8 — zeichnet noch ein weiteres Bild, das Richard Wagner mit Lohengrin verbunden hat:
"Wenn Wagner in seiner "Mitteilung an meine Freunde" Lohengrin als "absoluten Künstler" bezeichnet, so ist dabei zu bedenken, dass Wagner diesen Text 1851 in Zürich niederschrieb, als er sich mit dem "Kunstwerk der Zukunft" beschäftigte, das dazu fähig sein sollte, die Menschheit zu dieser Vermenschlichung der göttlichen, freien Liebe zu erziehen. In seinem Streben, vollkommene Kunstwerke zu schaffen, um sich damit der göttlichen Vollkommenheit möglichst zu nähern, fühlte er sich als "absoluter Künstler". Und ein solcher "absoluter Künstler" ist auch Lohengrin.
Beide, Lohengrin und Wagner, gleichen sich in ihrem Wunsch, eine Gesellschaft der freien Liebe auf der Welt zu verwirklichen. Beide (und mit ihnen auch die Brünnhilde des "Ring") scheitern — lediglich Parsifal sollte dies am Ende von Wagners künstlerischen Lebem (aber eben nur in einem Kunstwerk) gelingen. Lohengrin, Brünnhilde und auch Wagner selbst sind an den realen, politischen und menschlichen Gegebenheiten gescheitert."