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Demographie in Deutschland — Bericht aus "Die Zeit" vom 12.08.2010

Der Untertitel der Headline des Artikels von Susanne Gaschke auf der Titelseite der Zeit hatte sofort meine Aufmerksamkeit geweckt! Es ging um die Demographie, aber aus einer positiven Berichterstattung heraus. Auch die Headline selber war provokativ:

Macht, was ihr wollt

Geht der Angst etwa die Puste aus? Die ganz Jungen haben so gute Chancen wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Wer 1965 oder später geboren ist, kennt eine dunkle bedrohliche Gestalt als Lebensbegleiterin: die Angst vor steigender Arbeitslosigkeit. Die Angst, dass die eigenen Kinder keine Arbeit bekommen oder schlechtere als man selbst. Gegen Ende der Regierungszeit Helmut Kohls gab es in Deutschland viereinhalb Millionen Arbeitslose. 2005 unter Rot-Grün, waren es fast fünf Millionen. Selbst das war nur ein Bruchteil aller Erwerbstätigen. Aber der Bruchteil war so groß, dass jeder sich gefährdet fühlte, immer.

Angst ist schlecht für den Charakter, sowohl für den der Mächtigen als auch für den der Abhängigen. Sie verleitete damals die Unternehmen zu Drohgebärden gegenüber den Arbeitnehmern und brachte eine Arbeitnehmergeneration hervor, die im besseren Fall noch pragmatisch genannt werden kann, im schlechteren überangepasst.

Es könnte sein, dass der Angst jetzt die Puste ausgeht. Und dann wird es spannend zu beobachten, ob wir uns trauen, ohne dieses vertraute Gefühl zu leben. Welchen Anlass gibt es zu Optimismus? Da sind zum einen Befunde, die erst nach und nach aus der ökonomischen in die politische Sphäre hinübersickern: ein Wachstum, das sogar die Wirtschaft selbst darüber staunen lässt, wie stark sie offenbar ist. Eine aktuelle Zahl von knapp 3,2 Millionen Arbeitslosen, die gewiss immer noch zu hoch, aber nach einer historischen Wirtschaftskrise geradezu historisch niedrig ist. Energische Suchbewegungen (inklusive neuer Einwanderungsdebatte) in vielen Branchen von IT bis Pflege, wo jeweils Zehntausende von Fachkräften fehlen. Weniger Schulabgänger, dafür mehr offene Lehrstellen.

Zum anderen gibt es langfristige Entwicklungen: Seit 1972 sterben im Deutschland jedes Jahr mehr Menschen als hier geboren werden. Die Zuwanderung, über die 1990 (bei 600.000 Einwanderern) noch besorgt, bis hysterisch gestritten wurde, ist zum Stillstand gekommen. In den nächsten 20 Jahren werden 22 Millionen Männer und Frauen das Ruhestandsalter erreichen — und nur 16 Millionen junge Leute kommen ins erwerbsfähige Alter. Für Kleinkinder von heute bedeutet das: Wenn sie mit Ausbildung und Studium fertig sind, machen die Alten doppelt so viel Platz, wie sie brauchen — 7,2 Millionen gehen, 3,5 Millionen rücken nach.

Für eine ganze Generation junger Menschen ändert sich damit die Perspektive: Sie muss sich nicht länger in die Arbeitsgesellschaft hineinbetteln und hineintrotzen, sie wird gebraucht. Gebraucht werden auch die qualifizierten Einwanderer, die sich für Arbeit in Deutschland interessieren; und die Älteren, die nicht in irgendeine mittelgewichtige Ehrenamtlichkeit abgeschoben werden möchten, sondern einfach gerne weitermachen würden.

Eine Wirtschaft, die um Menschen konkurrieren muss, wird sich ganz von selbst anders verhalten als eine, die Jobs als eine Art Gnade vergibt: Sie wird nicht nur über eine Anwerbeprämie für ausländisch Spezialisten nachdenken, sondern auch über vernünftige Löhne für alle. Und außerdem über Familienfreundlichkeit und kluge Teilzeitregelungen und flexibel Übergänge in den Ruhestand und Weiterbildung im Betrieb und über Unterstützung bei der Jobsuche für Ehepartner und vieles andere mehr. Sie wird Arbeitnehmern höflich begegnen.

Spätestens nach Formulierung dieser rosigen Hoffnungen dürfte das Aberaberaber der Gewohnheitspessimisten einsetzen. Es gibt ja berechtigte Einwände: Niemand kann zum Beispiel absehen, welche Rationalisierungsideen Unternehmen entwickeln, wenn ihnen die Leute ausgehen. Und natürlich sind in den Jahren der Angst Unsitten eingerissen, die nicht über Nacht wieder verschwinden: Niedriglöhne, unbezahlte Praktika, die enorme Ausweitung der Leiharbeit. Es wird seine Zeit brauchen, bis das unter Druck des Personalmangels aufhört.

Und, wer weiß, vielleicht bekommen ja, wer sich nicht fürchtet, mehr Kinder

Schwer bleibt es auf jeden Fall für die Gruppe der Geringqualifizierten und Schulabbrecher, denn ohne lesen und schreiben zu können, finden sie keinen Anschluss — auch nicht an einen entspannteren Arbeitsmarkt der Zukunft. Doch die Chancen, dass sich die ganze Gesellschaft dann endlich in einer großen Anstrengung auf sie konzentriert, stehen besser als je zuvor.

Für alle, die heute Eltern sind, wird vor diesem Hintergrund ein großes Umdenken in der Erziehung möglich. Wir können unseren Kindern sagen: Studiert, was ihr wollt — es findet sich schon eine Arbeit für euch. Wir können mit dem Wahnsinn der frühkindlichen Förderung Schluss machen oder richtiger: Wir können unsere Kinder mit Chinesisch und klassischer Musik konfrontieren, wenn wir der Überzeugung sind, dass sie das zu glücklicheren Menschen macht. Aber wir müssen es nicht länger tun aus Sorge um ihre Weltmarkt-Konkurrenzfähigkeit im Alter von fünf Jahren.

Schon heute, so berichten Wirtschaftsinstitute, steigert die schwindende Angst vor Arbeitslosigkeit die Binnennachfrage: Wer sich nicht fürchtet, kauft ein. Und, wer weiß: Vielleicht bekommt dann ja, wer sich nicht fürchtet, auch mehr Kinder. Vielleicht schafft das Ende der Angst in den nächsten zwanzig Jahren, was Kita-Plätze und Elterngeld nicht erreicht haben — und macht den Deutschen wieder Mut zur Familie. Vor steigenden Geburtenraten sollten wir uns dann aber nicht gleich wieder fürchten.

Abschließender Kommentar meinerseits: Ein Artikel, der vorbildlich Perspektiven der Demographie positiv aufzeigt. So kommen wir weiter. Genau dies hat auch begeisterungsmomente.de im Fokus. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, den Artikel abzutippen, denn im Web findet man ihn bisher leider nicht.

Der Trend gegen den Trend


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