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Flucht vor der Freiheit

Anmerkung: Joachim Gauck: Warum entziehen sich so viele Menschen auf allen möglichen Wegen und in allen möglichen Weisen der Verantwortlichkeit?

Teil 7 (von 9 Teilen) der Weihnachtsvorlesung "Die Liebe zur Freiheit" von Joachim Gauck

Warum ist diese, nun offensichtlich zu uns Menschen gehörende, Daseinsform so bedroht?

Und warum entziehen sich so viele Menschen auf allen möglichen Wegen und in allen möglichen Weisen dieser Lebensform der Verantwortlichkeit?

DAS ist das verführte Denken.

Es sind Urängste, die verbunden sind mit dem Augenblick, wenn wir in den Raum der Freiheit eintreten.

Es gibt ein Buch von Erich Fromm: "Furcht vor der Freiheit".

Als ich Fromm gelesen habe, habe ich gemerkt dass es ja eine besonders greifbare Form ist, diese Fremdheit gegenüber Verantwortung.

Er sagte das ist nun einmal so, dass immer wenn wir einen Raum der Freiheit betreten, gleichzeitig machtvolle Ängste in uns entstehen, die uns zu den Eindruck geben: "Oh Gott. Das ist nun eine Hungersnot. Das schaffe ich ja gar nicht". Und dann Fluchttendenzen entstehen.

Eine Herleitung dazu ist die biblische Geschichte von "Adam und Eva". Die beiden durften im Paradies alles tun, nur von dem einen Apfelbaum durften sie nicht essen. Und sie taten es trotzdem. Fromm sagt nun: "Wow, das ist ja ganz toll, der Mensch ist also frei! Ganz im uralten Mythos schon, begegnet uns eine Fähigkeit des Menschen zu einem göttlichen Gebot "nein" zu sagen!"

Die Geburt der Freiheit IST direkt im Paradies. Der nächste Schritt nach der Freiheit sieht so aus: Sie sind außerhalb des Paradieses.

Und, was jetzt?

Sind wir nun traurig, weil wir unsere Sehnsucht nicht erfüllt bekommen? Ja sagt er, das kann sein. Aber eines ist möglich: zu sagen, ich bin außerhalb des Paradieses aber fähig zu überleben.

Und ich werde es am besten tun, ich werde am besten mit dem Verlust dieses fraglosen Glückes klar kommen, wenn ich imstande bin als Bezogener in Solidarität und in der kreativen Anwendung meiner Potenzen zu leben. Kreativ, schöpferisch und bezogen zu leben. Das wäre die einzige Möglichkeit zum Leben "ja" zu sagen, wenn man das Paradies nicht wiederbekommt.

Aber das würde vielen Menschen zu schwer sein. Und aus ihrer Sorge dies nicht gestalten zu können, würden sie sich Fluchten ersinnen. Eine dieser Fluchten ist eine Flucht in die Konformität.

Die Zweite ist eine Flucht in die Destruktivität. Indem ich destruktiv werde, scheine ich ja Herr des Geschehens um mich herum zu sein. Es ist eine verführerische Freiheit die der Destruktive erfährt. Er kann zerstören.

In alledem spürte ich plötzlich, dass wir eigentlich immer geleitet sind von machtvollen Fluchttendenzen, wenn wir uns des Raums der Freiheit wirklich bewusst werden.

<< Ende der wörtlichen Ausführungen Teil 7 von Joachim Gauck anlässlich der Weihnachtsvorlesung 2010 an der Uni Bayreuth >>

Fazit: Die Erlangung von Freiheit ist nur der erste Schritt und beschert meist ein Hochgefühl. Dann — auf dem Boden der Tatsachen zurückgekehrt — geht es um die Umsetzung. Dazu braucht es einen ähnlich kämpferischen Einsatz verglichen mit der Erreichung der Freiheit.

Teil 8 des Vortrags von Joachim Gauck: Falsche Vorstellungen