Diese Sehnsucht nach dem Paradies.
Ich habe Heerscharen von postkommunistischen Menschen im ganz Osteuropa vor mir die so gesagt haben: "Oh, wenn die Freiheit kommt, das wird dann ja vollkommen sein!". Denn unsere Sehnsuchtsbilder machen alles vollkommen.
Die sich eben noch kindlich gefreut hatten über die Freiheit und nun gemerkt haben, die Sehnsuchtsbilder treten aber nicht zu hundert Prozent in die Wirklichkeit ein. Und da waren sie mal sehr böse mit der Wirklichkeit. Und das finde ich natürlich hoch negativ.
Und das ist eine, da ist die Flucht schon im Grunde integriert, wenn du dich schon von deinen Sehnsuchtsbildern verabschieden kannst.
Und das ist in der Politik täglich zu sehen!
Bei manchen von ihnen spüre ich manchmal eine hoch merkwürdige Tendenz: "Da die Wirklichkeit da draußen zu mangelhaft ist und nicht unseren schönen Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaft entspricht, bin ich aber sehr, sehr böse mit ihr. Ich wünsche mir ja glatt weg einen Systemwechsel".
Mir missfällt diese Verdachtsstruktur die in dem politischen Urteil vieler Kulturmenschen enthalten ist. Die sich erst einmischen, beteiligen und partizipieren wollen, wenn diese Welt ein wenig gerechter ist, wie sie sagen.
Ja und wie soll sie gerechter werden ohne unsere Beteiligung?
<< Ende der wörtlichen Ausführungen Teil 8 von Joachim Gauck anlässlich der Weihnachtsvorlesung 2010 an der Uni Bayreuth >>