Zur Homepage Begeisterungsmomente - Momente der Begeisterung
Zur Homepage Begeisterungsmomente - Momente der Begeisterung
Logo Begeisterungsmomente - Momente der Begeisterung

Erste Erfahrungen mit der Freiheit

Anmerkung: Am stärksten spürt man die Freiheit aus der Unfreiheit heraus.

Teil 2 (von 9 Teilen) der Weihnachtsvorlesung "Die Liebe zur Freiheit" von Joachim Gauck

Menschen in den Blick nehmen

Ich hatte viele Jahre das Gefühl, dass ich einer nationalen Minderheit angehöre. Und zwar jener Minderheit, für die die Freiheit das Wichtigste im großen öffentlichen Raum ist.

In unserem Grunddokument des demokratischen Staates Artikel 1 heißt es: "die Würde des Menschen ist unantastbar". Und nur in einer demokratischen Gesellschaft, in einer demokratisch verfassten und sich demokratisch fortwährend eminierten ist dieses Wort Würde mit Leben zu erfüllen.

Und nur in einem Land wo jedem einzelnen diese Grundrechte zugesprochen sind wird man davon ausgehen können, dass die Würde des Menschen geschützt und geachtet wird. Und, überhaupt erst mal gesehen wird, gewollt wird:

  • Wissen Sie, da wo ich jetzt lebe, da bin ich gerne, aber ich kann jederzeit auch gehen.
  • Da wo ich jetzt lebe, gibt es Gewissensfreiheit und Glaubensfreiheit, es gibt Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit, es gibt die Freiheit der Berufswahl, es gibt die Forschungs- und Veröffentlichungsfreiheit, es gibt die Versammlungs- und Assoziationsfreiheit.
  • Da wo ich lebe, da gründen Menschen von sich aus Bürgerinitiativen, Vereine, Gewerkschaften, Parteien. Sie übernehmen Verantwortung. Und da, wo ich jetzt lebe gilt Kritik, Diskussion, Diskurs nicht als staatsgefährdende Hetze oder politische Untergrundtätigkeit, sondern da ist das normal, gehört einfach dazu.
  • Da wo ich jetzt lebe, gibt es seit 60 Jahren die Herrschaft des Rechts. Man kann sogar den eigenen Staat verklagen.
  • Da wo ich jetzt lebe gibt es den freien Markt, aber es gibt auch ein soziales Netzwerk. Wer bedroht ist und im Elend ist, dem wird geholfen. Da wo ich jetzt lebe, in diesem Land, muss sich das Nachbarland nicht mehr vor einem Übergriff fürchten. Denn seit 60 Jahren hat dieses Land kein anderes mehr überfallen. Alle Nachbarn leben im Frieden mit diesem Land.

Aber ich spüre, wir brauchen unbedingt etwas, was unserer Gesellschaft den Glauben an die eigene Potenz zurückgeben kann. Und ich fing an, mich auf eine neue Weise mit dem Begriff der Freiheit zu beschäftigen und habe das auf eine etwas unakademische Art und Weise getan, indem ich mich an einen Lebensabschnitt erinnerte, in dem mir Freiheit in doppelter Weise zum zentralen Begriff wurde.

Ich bin als Kind sehr intensiv mit Unfreiheit konfrontiert worden. Ich bin quasi mit Unfreiheit ernährt worden.

Mit diesem Leben komme ich also in Kontakt. Es ist für Sie vielleicht nur wichtig, dass sie sich einmal vorstellen, dass es einen Teil Europas gibt, wo der Gedanke an Freiheit verbunden ist mit elementaren Unrechts- und Verlusterfahrungen. Der Gedanke von Freiheit, das hat Schiller schon gesagt, wird "am heftigsten und intensivsten wird Freiheit geträumt im Kerker".

Und deshalb gehört zu meiner Erfahrung das frühere Erleben von Unrecht dazu.

Ich spreche nur von Dingen, die in Europa gedacht, gefühlt und gelebt werden.

<< Ende der wörtlichen Ausführungen Teil 2 von Joachim Gauck anlässlich der Weihnachtsvorlesung 2010 an der Uni Bayreuth >>

Fazit: Freiheit ist von den Menschen her zu denken. Sie ist ganz unterschiedlich, je nach dem Erfahrungshintergrund in Europa, in der jeweiligen Kultur und vor der geschichtlichen Situation.

Teil 3 des Vortrags von Joachim Gauck: "Wir sind das Volk"